Karim Dabbouz
kd.

Demo #hambibleibt in Dortmund: Sind die alle dumm oder ist das Mode?

Mit ein paar Bäumen machen erfahrene Ingenieure und Forstarbeiter kurzen Prozess. Das Verändern der Landschaft gehört zu den ältesten Formen menschlicher Kultur. Maschinen helfen uns dabei. Wie das geht, das könnten die Protestierenden im Hambacher Forst von den Landwirten in der Umgebung erfahren. Ein Blick auf Google-Maps zeigt, wie der Mensch in dieser Region seit jeher Flächen einhegte und nutzbar machte. Dort sieht man auch, weshalb der Hambacher Forst nur ein Symbol ist: Er ist ziemlich klein. Die von RWE seit Ende der 80iger Jahre rekultivierte Fläche ist mehr als doppelt so groß. Nach Ende der Braunkohleförderung wird der Hambacher Wald größer sein als davor. Dazu wird es einen riesigen See geben.

Mehr als ein paar Bäume interessieren mich aber die unverhältnismäßigen Proteste, denn sie werfen eine Frage auf, die mich bei vielen Themen beschäftigt: Sind die Leute alle dumm oder ist das einfach Mode? Nicht nur im und um den Hambacher Forst herum wird demonstriert. Auch in Dortmund gab es am Wochenende eine Demo unter dem Motto #Hambibleibt. Sie startete vor dem innogy-Tower und führte zum Stadtgarten. Beantragt wurde sie von Menschen aus der Nordstadt, die dort einen Gemeinschaftsgarten betreiben. Der Garten liegt auf meiner Joggingstrecke. In der Mitte steht ein alter Bauwagen, drumherum Überreste menschlicher Kulturarbeit, vor allem umfunktionierte Lieferpaletten, aber auch alte Reifen. Ironischerweise steht der Gemeinschaftsgarten selbst auf einer kleinen Brachfläche, die irgendein Mensch mit Geld den Gärtnern überlassen hat. Davor war die Fläche bebaut, davor bewaldet, zwischendurch war sie ein Loch, schätze ich. Mehr noch: Nur ein paar Garagen und eine alte Mauer trennen den Gemeinschaftsgarten von der alten Westfalenhütte, wo Hoesch einst Stahl produzierte und 25.000 Menschen eine gut bezahlte Arbeit fanden. Heute ist sie Europas größte städtische Brachfläche. Auch ein Loch. Nirgends sonst in Europa werden die Baumretter aus der Nordstadt ein so großes ungenutztes Loch finden. Es ist ein riesiges Gelände und ich bin sicher, auch hier würden die Baumretter nur zu gerne alte Bauwagen, Reifen und Palettenmöbel aufstellen und abends zu veganem Essen einladen. Zum Glück gehört die Fläche Menschen mit Geld und ein wenig Verstand.

Warum erzähle ich das? Viele Argumente sind nur solange Argumente, wie man Verhältnismäßigkeiten außer Acht lässt. Was einem isolierten Blick standhält (ein Wald ist schützenswert), relativiert sich bei genauerem Hinsehen (allein in NRW ist zwischen 2002 und 2012 mehr als das 20-fache der Hambacher Fläche hinzugekommen). Diese 200 Hektar Hambacher Forst sind so klein und die Veränderung von Landschaft durch den Menschen etwas so Alltägliches, dass das Ausmaß der Proteste lächerlich erscheint. Dass wir Braunkohle auch deshalb verstromen, weil wir sie dank vorschnellem „Atomausstieg“ für die Grundlast brauchen? Auch das mag niemand hören. Wer Argumente nicht versteht, versteht sie nicht. Wer Argumente nicht hören will, ist schlicht dumm.

Trotzdem teilte den Demoaufruf neben den Baumrettern aus der Nordstadt auch eine Kulturinstitution, die ich sehr mag und für wenig dumm halte. Freunde mögen sie auch. Eigentlich mögen sie fast alle, denn es gibt dort gute Musik und man trifft nette Menschen. Dass diese Kulturinstitution zur Demo aufrief, gefiel einer Kneipe in Bochum, in die ich ebenfalls gerne gehe. Einer weiteren Kneipe, die ich mag, gefiel dies auch. Man kann das bei Facebook ja alles genau verfolgen. Der Demoaufruf zitiert übrigens den Spruch „Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand“.

Nun steht der Demoaufruf da auf der Facebookseite dieser Institution, die ich gerne mag, und er steht da mit einer Selbstverständlichkeit, als sei das überhaupt keine Frage, dass man gegen die Rodung ist. So verbietet sich die Debatte von vornherein und das ist etwas, das ich bei vielen Themen beobachte: Sobald die Leute irgendeinen Kulturscheiß machen und aufeinanderhocken, wird aus der vielzitierten Vielfalt und aus Inklusivität schnell ein Konsensbrei an politischen Klischees, der subtil exklusiv wirkt. Das lässt für mich nur einen Schluss zu: Seit ich die achte Klasse verlassen habe, hat sich wenig geändert. Man möchte dazugehören und dazu gehört auch und vor allem, für und gegen die gleichen Dinge zu sein. Mit Politik hat das nichts zu tun. Das ist Lifestyle. Analog dazu beobachte ich seit Jahren etwas, das ich als Lifestyle-Antifaschismus bezeichnen würde. Ihm hängen Leute an, die es bei jeder sexistischen Bierzeltrede auf die Barrikaden treibt, während sie bei den alltäglichen Angriffen auf die Selbstbestimmung von Frauen hinter den Fassaden der Nordstadt höflich still bleiben. Wem die eigene Kultur-Medien-Alternative-Peergroup nicht längst den Kopf verbraten hat, weiß, worauf ich anspiele.

Natürlich könnte ich anfangen, mir Freunde zu suchen, die im Sommer keine Sandalen tragen. Vielleicht würde das die Dissonanzen schmälern und ich wäre ein glücklicherer Mensch. Schaue ich mich um, ahne ich, dass die meisten Menschen dies so tun. Denn Dissonanzen stören und vielleicht enden deshalb die meisten Menschen als Flickwerk ihrer sozialen Gruppe. Um meine gefühlten Dissonanzen zu schmälern, schreibe ich lieber diesen Text. Ob das so viel besser ist, sei dahingestellt. Wie dem auch sei: Ihr könnt euch ja gerne die Teilnahme an einer sinnlosen Demo ans Revers heften. Fest steht: #Hambigeht. Irgendjemand wird aus ihm Tische bauen oder Stühle und irgendwelche anderen Nichtsnutze werden sich auf diese Stühle setzen. Auch die Menschen, die diesen Wald roden und seine Ressourcen nutzen, sind im weiten Sinne Kulturschaffende. Nur gehören sie nicht zu der Sorte Kulturschaffende, bei denen die politische Einstellung als Lifestyle aus jedem Kanal trieft.

 

Dieser Text erschien auch bei Ruhrbarone