Karim Dabbouz
kd.

Ab wann wird #FreeDeniz nervig?

Im Bundestag gab es Ohrfeigen für die AfD. Die AfD mag Deniz Yücel nicht und brachte einen Antrag ins Parlament ein, der vorsah, die Bundesregierung solle eine Missbilligung einiger Texte Yücels herausbringen. Der Presserat hatte sich seinerzeit bereits mit einer seiner Textpassagen befasst und die taz musste einen Teil der Gelder ihrer GenossInnen als Entschädigung blechen.

Zwei seiner Texte aber haben Deniz Yücel einen Ruf als „Deutschlandhasser“ eingebracht. Entsprechend negativ fielen die Reaktionen auf seine Freilassung aus: Während JournalistInnen Twitter und Facebook volljubelten, wünschten sich manche, Erdogan hätte doch bitte einen anderen Unschuldigen freigelassen, aber nicht den Deniz. Warum soll sich ein Land auch für jemanden einsetzen, der den Menschen, die schon länger dort leben, in einer Satire Völkersterben wünscht? Das ist die Art Humor, den wir, kommt er vom anderen politischen Ufer, üblicherweise mit kollektiver Ächtung bestrafen. Die Antwort auf diese Frage ist jedoch so einfach, dass es dazu eigentlich keine Diskussion braucht: Weil wir ein Rechtsstaat sein wollen.

Das Problem des deutschen Journalismus

Nun bleibt es Deniz‘ Journalistenfreundinnen nicht unverborgen, dass es in diesem Land neben Erdogan-Anhängern noch viele weitere Menschen gibt, die ihren Kumpel nicht mögen. Dies nachzuvollziehen, scheint schwer zu fallen. Als er freikam, konnte man in großen Medien nicht einmal mehr durchs Schlüsselloch schielen, ohne dass einem Deniz Yücel entgegensprang. Auf Außenstehende wirkte es, als sei in ihm der neue Heiland niedergestiegen. Und während im Berliner Ich-mach-was-mit-Medien-Paralleluniversum extra ein Autokorso zu Ehren des Journalisten veranstaltet wurde, versauerten die anderen rund 150 eingesperrten JournalistInnen weiter im türkischen Knast. Manche von ihnen wurden am Tag von Deniz Yücels Freilassung gar zu lebenslanger Haft verurteilt – ein wirklich ausgezeichneter Tag zum Feiern!

Die JournalistInnenfreundInnen, die sich (natürlich) mit ihrem Kumpel und Kollegen freuen, erklären sich die negativen Reaktionen in der Regel so: Wenn man Deniz nicht mag, dann liegt das entweder daran, dass er in ihren Augen kein Deutscher ist und/oder dass er Deutschland und Deutsche beleidigt hat. Ja, das kann sein. Für eine dritte Erklärung scheint hingegen kein Platz: Die Feierei hat angesichts dessen, dass 150 weitere Menschen im türkischen Knast sitzen, etwas von Klüngelei. Man kann den Eindruck bekommen, #FreeDeniz sei eine Kampagne von Journalisten für ihren Journalistenfreund. Wenn man für ein reichweitenstarkes Medium schreibt und reichweitenstarke Twitterfreundschaften hat, dann ist das schon ein feines Privileg. Wenn ich für die Achse des Guten schreibe oder für die Ruhrbarone, dann vertrauen die mir ihre Reichweite an. Ich darf sie nutzen für die Dinge, die mir wichtig sind oder mir erzählenswert erscheinen. Es ist für Menschen, denen Deniz einfach egal ist, oder die mit seinen Positionen nicht einverstanden sind, wenig erfreulich, alle fünf Stunden mit einem Text über ihn beglückt zu werden. Ist doch klar, dass das Reaktionen hervorruft. Es gibt eben keine Pflicht, den Typen cool zu finden, aber man hat den Eindruck, man müsste es. Ich glaube, das ist das Problem des deutschen Journalismus.