Karim Dabbouz
kd.

Google zeigt, dass die AfD bei der Bundestagswahl besser abschneiden könnte, als vermutet

Die AfD polarisiert wie keine andere Partei. Das zeigt sich auch im Suchinteresse. Daten von Google verraten nicht nur, dass das Interesse am Wahlprogramm keiner anderen Partei in den vergangenen Wochen so stark gestiegen ist wie das Interesse am Programm der AfD, sondern legen auch nahe, dass die AfD bei der Wahl am Sonntag besser abschneiden könnte, als es Demoskopen voraussagen. Diese müssen sich auf Umfragen stützen, bei denen einige Wählergruppen nur schwer zu greifen sind: Menschen, die vorgeben, nicht AfD zu wählen, es am Ende aber dennoch tun; Nichtwähler, die durch die AfD erst mobilisiert werden sowie unentschlossene Wähler, die ihr Kreuz aus Protest nicht einer rationalen Wahl geben, sondern der neuen Alternative, die bei vielen Etablierten so viel Empörung auslöst. Suchanfragen bei Google könnten diese Wählergruppen besser abbilden als Demoskopen mit ihren klassischen Methoden. Denn Google verrät uns, welche Fragen die Menschen wirklich beschäftigen.

Google weiß, was die meisten Menschen wirklich denken

Die Frage, die man sich stellen muss, um den toten Winkel bei Wahlprognosen auszuleuchten, ist diese: Wonach suchen unentschlossene Wähler und diejenigen, die der AfD zwar ihre Stimme geben würden, sich aber noch nicht ganz sicher sind? Unentschlossene Wähler könnten sich etwa Gedanken über bestimmte Themen wie Rente und Sicherheit machen und dies mit den Inhalten der AfD und anderen Parteien in Bezug setzen. Viele unentschlossene Wähler werden sich über das Parteiprogramm informieren – womöglich intensiver als über die Programme anderer Parteien. Öfter, als man glaubt, aber suchen Menschen sehr direkt nach Antworten bei Google: „Wen soll ich wählen?“ oder „Welche Partei wählen?“ sind zwei Suchanfragen, die kurz vor einer anstehenden Wahl vermehrt getätigt werden und zumindest einen Hinweis auf die Zahl unentschlossener Wähler geben.

Dass Daten von Google die Wahlbeteiligung voraussagen können, wurde in den USA bereits demonstriert. Der Google-Mitarbeiter Seth Stephens-Davidowitz fand heraus, dass mehr als die Hälfte derjenigen, die vorgibt nicht wählen zu gehen, am Ende doch zur Wahl geht. Eine Analyse von Suchmaschinendaten zeigte, dass sich diese Lüge allein mit der Auswertung der Suchanfragen bei Google aufdecken lässt. Google weiß also Dinge, die für Demoskopen schwer zu erfragen sind.

“AfD wählen?” – diese Frage scheint kurz vor der Wahl besonders interessant zu sein

Das Werkzeug der Wahl ist Google Trends. Hiermit lässt sich das Interesse für Suchbegriffe global und regional in verschiedenen Zeiträumen vergleichen. Die Daten sind normalisiert und werden mit Werten zwischen 0 und 100 angegeben. Wir können also sehen, wie sehr sich das Interesse an einem Suchbegriff im Vergleich zum Interesse an allen anderen getätigten Suchanfragen verändert. Absolute Zahlen zum Suchvolumen liefert Google Trends allerdings nicht. Es lässt also keine direkten Schlüsse darauf zu, wie viele Menschen nach einer bestimmten Sache im Internet suchen. Dafür liefert es Hinweise auf die Veränderung des Suchinteresses im Vergleich zu allen anderen Suchanfragen sowie im Vergleich zu maximal fünf weiteren Suchbegriffen. Machen wir die Probe und versuchen, mit Google Trends Hinweise darauf zu erhalten, ob die AfD bei der Wahl am Sonntag besser abschneiden könnte, als es die Prognosen behaupten.

Zunächst eine naheliegende Frage: Wie hat sich das Interesse an den Parteiprogrammen der verschiedenen Parteien in den vergangenen Wochen verändert? Ich habe hierfür verschiedene Formulierungen wie “AfD Wahlprogramm”, “Wahlprogramm AfD” und “AfD Programm” durchgespielt. Alle Begriffe habe ich dabei in Anführungszeichen gesetzt. In Google Trends bedeutet dies, dass nur die Suchanfragen mit genau dieser Wortkombination in dieser Schreibweise und ohne vorherige oder nachgestellte Wörter erfasst werden. Suchanfragen mit Rechtschreibfehlern oder mit nachgestellten Begriffen wie “AfD Wahlprogramm 2017” habe ich nicht berücksichtigt. Ich wollte vermeiden, dass Google Suchanfragen wie “CDU AfD Wahlprogramm Vergleich” einbezieht, da dies keinen Hinweis auf ein explizites Interesse am AfD-Programm gibt.

Google Trends zeigt uns, dass das Interesse am Parteiprogramm der AfD in den Tagen vor der Bundestagswahl stärker gestiegen ist als das Interesse an den Programmen der anderen Parteien. Bei allen Parteien nehmen die Suchanfragen etwa seit Mitte August zu und befinden sich am 20. September auf ihrem höchsten Stand. Auch die absoluten Zahlen (Quelle: ahrefs.com) zeigen ein deutlich größeres Interesse am Wahlprogramm der AfD als an dem der anderen Parteien mit guten Aussichten bei der Bundestagswahl. Angesichts der vielen „besorgten Journalisten“ mag das rege Interesse nicht verwundern, schließlich möchte man wissen, mit wem man es in Zukunft zu tun hat. Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass die Ergebnisse verwässert sind und nicht ausschließlich Suchanfragen von potenziellen AfD-Wählern abbilden. Interessant ist der Vergleich trotzdem.

Aufschlussreicher für den möglichen Wahlausgang ist eine direktere Suchanfrage: Das Interesse am Suchbegriff “AfD wählen” hat weitaus stärker zugenommen als das Interesse an “CDU wählen” und Suchkombinationen mit den anderen Parteien. Die entscheidende Frage lautet: Wie wahrscheinlich ist es, dass Menschen „AfD wählen“ in ihre Suchleiste eingeben, ohne selbst mit dem Gedanken zu spielen, der Partei ihre Stimme zu geben?

Dies deutet auf etwas hin, das auch die vergangenen Landtagswahlen gezeigt haben: Neben vielen Nichtwählern treibt es Menschen von allen Parteien zur AfD. Die Daten legen nahe, dass gerade die AfD auf den letzten Metern noch von unentschlossenen Wählern profitieren könnte, zumal auch hier die absoluten Zahlen zeigen, dass weitaus mehr Menschen (etwa 28 Mal) nach “AfD wählen” suchen als nach “CDU wählen” oder Suchkombinationen mit anderen Parteien. Eine alternative Interpretation wäre, dass diejenigen unentschlossenen Wähler, die die AfD als eine Option sehen, kurz vor der Wahl ins Grübeln kommen und sich im Internet noch einmal vergewissern möchten. Sie fragen Google “AfD wählen?”, während ein potenzieller FDP-Wähler die Wahl einfach auf sich zukommen lässt.

Mehr unentschlossene Wähler als 2013

Gleichzeitig scheint die Verunsicherung der Wähler gewachsen. Das zeigt ein Vergleich der Suchanfragen “Wen soll ich wählen” über die vergangenen vier Jahre. In den letzten Tagen vor der Bundestagswahl 2017 fragten deutlich mehr Menschen Google nach Rat als in den Tagen vor der letzten Bundestagswahl in 2013. Da Google Trends normalisierte Daten liefert, lassen sich die beiden Ausschläge der Kurve miteinander vergleichen: Gemessen an der Zahl aller Suchanfragen stieg das Interesse an der Antwort auf diese Frage in 2017 stärker als in 2013 – obwohl damals möglicherweise weniger Menschen Google nutzten.

Dies legt nahe, dass auch die Zahl der unentschlossenen Wähler bei dieser Wahl größer ist. Dementsprechend stünde der AfD eine größere Anzahl an potenziellen „Überläufern“ und vorherigen Nichtwählern zur Verfügung als bei der Bundestagswahl 2013, als sie die 5-Prozent-Hürde mit 4,7% knapp verpasste. Dass die AfD Nichtwähler besonders gut mobilisieren kann, haben auch die vergangenen Landtagswahlen gezeigt. Möglicherweise versteckt sich hier also zusätzliches Stimmenpotenzial.

AfD-Wähler sind nicht nur Protestwähler

Nun mag die Wahl der AfD bei vielen eine Art Protestwahl sein. Bei Konservativen zum Beispiel, die wichtige Teile ihrer Überzeugungen von der Union nicht mehr vertreten sehen. Aber auch über reale Handlungsoptionen scheint sich die eine oder der andere potenzielle Wähler der AfD Gedanken zu machen. Vergleicht man die Suchbegriffe “AfD Koalition” mit “SPD Koalition”, “CDU Koalition”, “FDP Koalition” und “Große Koalition”, sehen wir folgendes: Das durchschnittliche Suchinteresse für den Begriff “große Koalition” ist über den gewählten Zeitraum zwischen dem 01.08.2017 und dem 22.09.2017 zwar deutlich höher, wenige Tage vor der Wahl steigt das Interesse an “AfD Koalition” allerdings deutlich an. Was heißt das?

Google Trends stellt wie gesagt nicht das absolute Suchvolumen dar, sondern das Suchinteresse im gewählten Zeitraum und am gewählten Ort (hier 01.08. – 22.09. in Deutschland). Vergleicht man verschiedene Suchbegriffe, dann zeigt der Graph die Veränderungen am Suchinteresse relativ zu den anderen Suchbegriffen. Der Anstieg bei “AfD Koalition” heißt also nicht, dass mehr Menschen danach suchen als nach “Große Koalition”, sondern dass das Interesse am Begriff “AfD Koalition” gestiegen ist, während das Interesse an “Große Koalition” sinkt. Folgend habe ich die “Große Koalition” aus dem Vergleich herausgenommen. So verändert sich der optische Maßstab und der Vorsprung des Interesses an “AfD Koalition” gegenüber Suchkombinationen mit den anderen Parteien wird deutlicher sichtbar.

Menschen, die die AfD als Option in Erwägung ziehen, informieren sich kurz vor der Wahl also mutmaßlich intensiver über Koalitionsoptionen als Menschen, die eine andere Parteipräferenz hegen. Das Interesse an der großen Koalition ist dennoch weiterhin höher – allein schon, weil sie aktuell unsere Regierung stellt und die Chancen gut stehen, dass sie dies auch weiterhin tun wird.

Was heißt das alles für den möglichen Wahlausgang?

Wo Demoskopen die Entscheidung von unentschlossenen und Nichtwählern aus anderen Daten ableiten müssen, gibt die Entwicklung des Suchinteresses konkrete Hinweise darauf, wo diese Wählergruppen ihr Kreuz wirklich machen könnten. Demoskopen versuchen, dies mit einer gewissen Marge einzukalkulieren. Allerdings stehen wir bei der Wahl am Sonntag vor einer neuen Situation. Wo sich unentschlossene Wähler früher für eine etablierte Partei entschieden oder relativ vorhersehbar eine Alternative wählten, die ihrer üblichen Parteipräferenz nahestand, gibt es nun eine Partei, die für Wähler aus allen Lagern eine Option ist. Das heißt, es gibt kaum Daten, die sagen, wie viele der Unentschlossenen der AfD ihre Stimme geben und wie viele einer der anderen Parteien. Wenn wir annehmen, dass unentschlossene Wähler sich kurz vor der Wahl noch einmal über ihre Optionen informieren, dann könnten die Daten von Google ein Hinweis darauf sein, dass sie eher zur AfD tendieren als zu anderen Parteien – möglicherweise in größerem Umfang, als es Demoskopen in ihren Prognosen berücksichtigt haben. Das würde wiederum bedeuten, dass die AfD nicht bei 11% der Stimmen landet, wie es das letzte ZDF-Politbarometer voraussagt, sondern bei 12, 13, 14 oder gar mehr Prozent.